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Bildungsideal
Bildung sollte den Menschen befähigen, als mündiges Individuum kritisch und reflektiert zu denken und zu handeln. Sowohl im Bezug auf sich selbst, wie auch hinsichtlich der Gesellschaft die ihn umgibt, und deren Teil er ist.
Wir können ein Bildungssystem nur dann als solches anerkennen, wenn es sich zu diesen Zielen bekennt, und deren Verwirklichung in überzeugender Weise verfolgt. Es ist unserere Überzeugung, dass abseits der Umsetzung dieser Prinzipien die Entwicklung zu einer humaneren, sozialeren und gerechteren Welt nicht möglich ist.
Da das deutsche Bildungssystem diesen Grundsätzen in vielerlei Hinsicht zuwiderhandelt, sehen wir es als unsere Pflicht, diese Missstände aufzuzeigen, und ein weitreichendes Umdenken, ebenso wie tiefgreifende Veränderung einzufordern.
Bildungssystem
Im Folgenden führen wir die entscheidenden Merkmale eines für uns vertretbaren Bildungswesens auf und konkretisieren diese anhand von Soll-Zuständen. Diese werden den gegenwärtigen Defiziten (Ist-Zustände) gegenübergestellt. Aus der Diskrepanz entwickeln wir Forderungen für die Verwirklichung eines angemessenen Bildungssystems.
Als Bildungssystem verstehen wir die Gesamtheit von Einrichtungen und Möglichkeiten zum Erwerb von Bildung und Ausbildung. Zu den zentralen Bestandteilen eines Bildungssystems zählen wir das Schulsystem sowie das Hochschulwesen, generell aber auch alle Institutionen, die Lernen ermöglichen. Also Kindergärten, Volkshochschulen, Musikschulen etc. Die Betrachtungen dieses Positionspapiers sind sofern möglich allgemein gehalten, haben ihren Fokus aber auf dem Hochschulbereich.
Bildung ist ein Wert für sich, der nicht durch die Marktwirtschaft diktiert wird
Soll
Es ist ausschließlich Sache des Individuums, sich für Bildungswege und Studiengänge nach eigenen Maßstäben zu entscheiden. Ein von ökonomischen Interessen geleitetes Bildungswesen birgt die Gefahr, diesen Entscheidungsfreiraum einzuschränken. Vielmehr ist eine marktwirtschaftliche Wertung von Bildung oder Ausbildung hinsichtlich der im Idealbild formulierten Bildungsziele nicht relevant. Jegliche Fachbereiche und wissenschaftliche Disziplinen werden unabhängig ihrer marktwirtschaftlichen „Verwertbarkeit“ als gleichberechtigt angesehen und behandelt.
Ist
Gegenwärtig wird Bildung hauptsächlich als Ware nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet und angeboten. Studiengänge werden nach dem volkswirtschaftlichen Nutzen der Absolventen für den späteren Arbeitsmarkt evaluiert. Die Vermittlung von Wissen richtet sich immer stärker nach den Anforderungen der Arbeitswelt. Gelder werden großteils nach Prestige von Fächern und dem erwarteten Gewinn aus der Forschung in diesen Fächern verteilt. Dieser Umstand führt bisweilen zur bewussten Manipulation von Forschungsergebnissen. Zwischen den Universitäten herrscht unter anderem im Rahmen der Exzellenzinitiative ein Wettbewerb um die meisten Drittmittel, gleichzeitig gibt es unter den Studierenden Wettbewerb um die besten Noten und um die späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Forderungen
- Die Anzahl von Studienplätzen muss der Anzahl der Interessierten und nicht dem aktuellen Arbeitsmarkt entsprechen.
- Ein Recht auf Vollstudium. Jeder Bachelorabsolvent hat Anrecht auf einen Masterstudienplatz.
- Keine Durchfallquoten anhand statistischer Zielverteilungen. Das Bestehen einer Lehrveranstaltung darf nicht von den Ergebnissen anderer Studierender abhängen.
- In der Prüfungsordnung muss vermittelt werden, dass die Studiendauer kein Qualitätsmerkmal des Abschlusses ist.
- Ergebnisoffene Diskussion der Abschaffung des ECTS-Points Bewertungssystems, das eine Quantifizierbarkeit von Bildungsinhalten suggeriert.
- In Folge des Bolognaprozesses wurde vor allem die Arbeitsmarktaffinität von Bildung forciert. Wir fordern von den für diesen Prozess Verantwortlichen eine klare Stellungnahme zu dem dahinterstehenden Bildungsideal.
Eine von Diskriminierung freie und sozial gerechte Bildung
Soll
Jedem Menschen ist unabhängig von sozioökonomischem Status, Geschlecht, Religion, politischer Überzeugung, Nationalität, Alter und körperlicher Beeinträchtigung die Möglichkeit gegeben, sich frei und unbeschränkt zu bilden. Schulen und Kindergärten fördern von Anfang an die Kooperation und gegenseitige Unterstützung aller SchülerInnen und unterbinden soziale Selektion. Menschen „mit Förderbedarf“ werden zum Vorteil aller in das allgemeine Bildungssystem integriert. Ein Studium wird nicht durch notwendige Erwerbstätigkeit beeinträchtigt.
Ist
Vielen ist Bildung durch finanzielle Barrieren versperrt. Das führt zu einer großen Anzahl Studierender, die ihren Lebensunterhalt mit Nebenjobs finanzieren müssen, wodurch die notwendige Zeit für das Studium fehlt. Der finanzielle Druck wirkt sich auf den ohnehin schon hohen Leistungsdruck verstärkend aus. SchülerInnen können teilweise nicht ihren gewünschten Werdegang einschlagen, weil ihnen der Zugang zu den entsprechenden Studiengängen durch strenge und inhaltslose Aufnahmebedingungen verwehrt wird. Fehlt eine gute Schulbildung, gibt es zu wenige Möglichkeiten, den Zugang zur Universität zu erlangen. Die soziale Situation der Familie wirkt sich massiv auf den Bildungsweg der Kinder aus, sowohl durch die frühe Verteilung auf das mehrgliedrige Schulsystem, als auch durch erhebliche Kosten von Bildung an sich. Die „finanzielle Unterstützung“ des Staates muss zurückgezahlt werden. Schüler und Studenten sammeln demenstprechend schon früh hohe Schulden an.
Forderungen
- Abschaffung der Zugangsbeschränkungen. Jeder Mensch muss die Chance bekommen, seiner Selbsteinschätzung entsprechend einen Bildungsweg einzuschlagen.
- Abschaffung der Studiengebühren bei gleichzeitigem staatlichen finanziellen Ausgleich.
- Staatliche Finanzierung der in den Semesterbeiträgen enthaltenen Leistungen.
- Ausreichende finanzielle Unterstützung für SchülerInnen und Studierende, die ein Studieren ohne Schuldenaufnahme und zusätzliches Nebeneinkommen ermöglicht
- Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems aufgrund seiner sozialen Selektivität.
- Förderung jedes Menschen nach seinen Möglichkeiten während des gesamten Bildungsprozesses (insbesondere im Schul- und Vorschulbereich).
Selbstbestimmtes Lernen
Soll
Innerhalb eines Studiums ist die Möglichkeit zur freien Gestaltung des persönlichen Studienverlaufplans ebenso gegeben, wie die Option, sich an einem bereits ausgearbeiteten Modell zu orientieren. Interessengeleitete Studienstile können gleichberechtigt neben rein ergebnisorientierten existieren und werden als gleichwertig anerkannt werden. Studierende können ihren persönlichen Lernstil ohne Einschränkung entfalten und so aus eigenem Antrieb selbstorganisiert und kritisch reflektiert lernen. Nur so ist die Verinnerlichung und Nachhaltigkeit des Gelernten gewährleistet.
Ist
Wir sind eingeschränkt, sowohl durch eine starre inhaltliche wie methodische Organisation des Studiums, als auch durch Druck von außen. Das ständige Gefühl, für den Markt verwertbar sein zu müssen, erstickt die freie Bewegung im Fachgebiet, zwischen den Disziplinen, sowie außerhalb der Universität. Eigene Ideen können schwer umgesetzt werden, es besteht kein Raum für eigene Projekte, Studien und dergleichen.
Die Arbeitsform und der Inhalt sind jeweils für alle Studierenden einer Fachrichtung im Wesentlichen vorgegeben. Daraus folgt erhöhter Arbeitsaufwand für jene Lerntypen, die nicht dem vorgegebenen Arbeitsmodus entsprechen. („Bulimie-Lernen“).
Forderungen
- Mindestens ein Drittel der für den Abschluss nachzuweisenden Studienleistungen sollen durch Veranstaltungen der freien Wahl erbracht werden können
- Abschaffung jeglicher Anwesenheitskontrollen für Vorlesungen, in denen die Anwesenheit nicht die einzige zu erbringende Leistung ist.
- Studienablaufpläne müssen als Orientierungsvorschläge zur Verfügung gestellt werden, dürfen aber keine verpflichtenden Vorgaben sein.
- Zu jeder Lehrveranstaltung muss es eine umfassende offizielle Aufstellung der behandelten Inhalte geben. Diese Aufstellung liegt im Verantwortungsbereich des Lehrenden und vereinfacht Studierenden die Studienwahl, und fördert des Weiteren die Mobilität.
- Möglichkeiten für individuelle Auslandssemester zur Bildung der Persönlichkeit.
- Erleichterung von Auslandsaufenthalten durch bessere Integration in den Studienplan und eine bessere Anrechenbarkeit von Veranstaltungen aus dem In- und Ausland.
Hohe Qualität der Lehre und gute Lernbedingungen
Soll
Maßgeblich für die Qualität der Lehre sind deren Inhalt selbst und dessen Vermittlung. Der Inhalt sollte dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen und in Umfang und Tiefe dem Lehrziel der jeweiligen Veranstaltung angepasst sein. Die qualitativ hochwertige Vermittlung des Inhalts bedarf eines didaktisch wie rhetorisch entsprechenden Vortrags, verständlicher und umfassender Skripten beziehungsweise Lehrbücher, sowie der Möglichkeit einer weiterführenden fachlichen Betreuung, auch außerhalb der regulären Veranstaltungen. Des Weiteren müssen Lehrmittel wie Räumlichkeiten gewährleistet sein, die den Studierenden eine ungestörte, fokussierte Teilnahme am Lehrbetrieb ermöglichen.
Ist
Es gibt zu wenige Professuren sowie Stellen im universitären Mittelbau (Wissenschaftler oder Dozenten ohne Professur), um eine gute Lehre ebenso wie eine fundierte Forschung zu ermöglichen. Gerade im Mittelbau sind Universitätsangestellte oft eklatant unterbezahlt und in prekären Dienstverhältnissen. Es ist Studierenden oft nicht möglich, auch außerhalb regulärer Lehrveranstaltungen fachliche Betreuung zu erfahren. Aufgrund beschränkter räumlicher Kapazitäten sind Veranstaltungen oft extrem überfüllt. Des Weiteren wird den Studierenden an vielen Universitäten räumlich keine, beziehungsweise nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit geboten, gemeinsam zu lernen und zu arbeiten. Vielen Lehrveranstaltungen liegen nur unzureichend ausgearbeitete und oft in ihrer Stückzahl stark begrenzte Lehrmaterialien zugrunde. Insgesamt ist die Ausstattung vieler Bibliotheken äußerst mangelhaft.
Forderungen
- Ausreichende Anzahl von Universitätsangestellten um:
- die starke Kopplung von Lehre und Forschung beibehalten zu können, ohne dabei einen der beiden Bereiche auf Kosten des anderen vernachlässigen zu müssen.
- eine gute Betreuung der Studierenden auch außerhalb der jeweiligen Vorlesungen zu ermöglichen.
- Die Bereitstellung einer inhaltlich vollständigen Grundlage (z.B.: Skript, Lehrbuch) zu jeder Vorlesung.
- Die einer Lehrveranstaltung zugrundeliegenden Bücher oder Veröffentlichungen müssen den Studierenden in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.
- An der Universität müssen ausreichende Räumlichkeiten zur Verfügung stehen um:
- den Studierenden ein gemeinsames Lernen und Arbeiten zu ermöglichen.
- jedem Studierenden in jeder Lehrveranstaltung einen eigenen Arbeitsplatz gewährleisten zu können.
- Die Räumlichkeiten müssen bezüglich Ausstattung und Zustand einen reibungslosen und modernen Lehr- wie Lernbetrieb ermöglichen.
- Eine vorgeschriebene Evaluierung aller Lehrveranstaltungen und Studienpläne durch die Studierenden zur stetigen Verbesserung der Lehre. Die Ergebnisse dieser Evaluierungen müssen allen Beteiligten übermittelt werden.
- Angemessene Gehälter für wissenschaftliches und lehrendes Personal. Keine prekären Dienstverhältnisse in Bildungseinrichtungen.
- Wissenschaftliche Publikationen und Ergebnisse, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgegangen sind, müssen allen BürgerInnen kostenfrei zugänglich sein.
Demokratisch organisiertes Hochschulleben
Soll
Hochschulen sind größtmöglich selbstverwaltete eingenständige Organisationen, die intern möglichst demokratische Strukturen aufweisen. Alle Mitglieder sind in die Lage versetzt, sich jederzeit über die internen Entscheidungsprozesse zu informieren und sich im Rahmen ihrer jeweiligen Gruppe in den Gremien der Hochschule zu engagieren. Es bestehen nur die von der verfassunsgmäßigen Ordnung vorgesehenen Einschränkungen dieser Freiheitsrechte. Der Lehrbetrieb basiert auf dem Prinzip des wechselseitigen Austauschs auf Augenhöhe zwischen Studierenden und Lehrenden. Entscheidungsprozesse und sonstige Abläufe an Universitäten werden allen Betroffenen transparent gemacht.
Ist
Die Beteiligung der Studierendenschaft an demokratischen Prozessen innerhalb der Universitäten ist oftmals sehr gering. Dies liegt neben einer stark vernachlässigten Aufklärungsarbeit über bestehende Gremien und Strukturen vor allem an deren äußerst eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten.
Zumindest in Niedersachsen sind die Stimmverhältnisse in den universitären Gremien im niedersächsischen Hochschulgesetz (NHG) festgelegt, welches vom dortigen Landtag beraten und beschlossen wird und eine Mehrheit der Hochschullehrergruppe in allen Gremien vorschreibt (§ 16 Abs. 3 Satz 1 NHG). Diese Stimmverhältnisse gehen auf das Hochschulurteil des Bundesverfassungsgerichts vom 29.05.1973 (BVerfGE 35,79-170) zurück. Einzige Ausnahme bilden die Studienkommissionen, in denen die Studierenden die Hälfte der stimmberechtigten Mitglieder stellen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Studienkommissionen lediglich eine beratende Tätigkeit zugewiesen bekommen haben. Sie sind vom einsetzenden Gremium, dem Fachbereichsrat oder dem Senat abhängig.
Forderungen
- Anpassung der Strukturen der Hochschulen an das Hochschulurteil des BVerfG, mit Viertelparität in den Gremien, wenn nicht Forschung, Lehre oder Berufungen betroffen sind.
- Verpflichtung der Hochschulen zur Aufklärung der StudienanfängerInnen über die hochschulpolitischen Strukturen und Mitsprachemöglichkeiten in Form einer offiziellen Informationsveranstaltung.
- Festgelegter Zeitraum in der Woche von mindestens 4 Stunden, der für die Sitzungen der Gremien von allen Lehrveranstaltungen frei gehalten wird.
- Einrichtung eines zentralen Archivs für jede Hochschule, in dem alle internen sowie die Hochschule betreffenden politischen Entscheidungen öffentlich zugänglich sind. Hierzu gehören vor allen Dingen Budgetbeschlüsse.
- Grundsätzlich hochschulöffentliche Sitzungen aller Gremien der Hochschulen.
- Regelmäßige gesamtuniversitäre Vollversammlungen unter Teilnahme der Hochschulgremien und der studentischen Selbstverwaltung.
Vermittlung und Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung
Soll
Studierende und Lehrende sind dem Bildungsideal entsprechend in der Lage, ihre Umwelt zu reflektieren und kritisieren. In Folge ihrer besonderen Stellung innerhalb unserer Gesellschaft nehmen Universitäten ihre Verantwortung wahr, Vorgänge des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens kritisch zu hinterfragen und mit innovativen Denkanstößen fruchtbare Debatten zu motivieren.
Ist
Die in den anderen Punkten bereits genannten Beschränkungen, Hindernisse und Mängel verunmöglichen es Lehrenden und Studierenden, ihre Verantwortung im gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess hinreichend wahrzunehmen.
Abschließende Bemerkungen
Wir verwehren uns gegen den Vorwurf der Realitätsferne. Wir halten diesen Entwurf eines Bildungssystems nicht nur für umsetzbar und finanzierbar, sondern für notwendig, um die Herausforderungen der Zukunft gemeinschaftlich erkennen und bewältigen zu können. Seine Umsetzung bedingt eine große gesellschaftliche Anstrengung und Veränderung, die sich nicht allein auf das Bildungssystem beschränkt und in letzter Konsequenz eine europaweite Zusammenarbeit erfordert.